Gravity – it’s not about space

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Dazu sei gesagt, dass dieser Text in Zusammenarbeit mit meinem Freund entstanden ist. Wir sahen den Film gemeinsam, sprachen danach ausführlich und immer wieder darüber und kamen so zusammen auf folgende Gedanken.

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Inmitten des tiefschwarzen, lebensbedrohlichen Weltalls setzt sich eine Gruppe Astronauten mit der widerspenstigen Technik der Raumstation auseinander, darunter leuchtet die ruhende, gewaltige Erde, deren Anziehungskraft in dieser Entfernung nicht mehr wirkt. So werden wir in das neue Science-Fiction-Werk von Alfonso Cuarón hineingeworfen, sieben Jahre nach dem apokalyptischen Children of Men. Ging es damals noch um eine werdende Mutter in einer unfruchtbaren Welt, hat in Gravity die von Sandra Bullock verkörperte Protagonistin ihr Kind bereits verloren, wie ihre Backstory verrät.
Der Film funktioniert oberflächlich betrachtet als bildgewaltiges 3D-Sci-Fi-Abenteuer mit einer schwebenden Kamera und lautlos zerberstenden Raumstationen, in dem sich die von heranschießendem Weltraumschrott bedrohten Figuren zum immer nächsten Zufluchtsort retten müssen, um nicht in der luftleeren, endlosen Weite zu verenden. Die teils minutenlangen Sequenzen ohne sichtbaren Schnitt sind beeindruckend und die Spezialeffekte makellos. Auch der zu bedrohlichem Dröhnen anschwellende Soundtrack trägt seinen Teil zur dichten Atmosphäre bei. Doch die scheinbar nebenbei gelieferte Information, Dr. Ryan Stone habe ihre Tochter verloren, wächst sich zur zentralen Angelegenheit des Films heraus. Wie in jedem guten Science-Fiction-Film dient das Weltall als dramatisches Konzept und Hintergrund für die Bearbeitung irdischer Probleme, in diesem Fall die Darstellung des Trauerprozesses einer Mutter.
Wie die plagenden Gedanken an die persönliche Katastrophe brechen die bedrohlichen Hagelschauer regelmäßig auf die Astronautin herein. Orientierungslos und handlungsunfähig lässt sie sich in Einsamkeit durch den Raum treiben, ihr Schicksalsschlag zwingt sie fast bis zur Selbstaufgabe. Die eigentliche Ärztin, die in Gravity scheinbar gerade ihren ersten Weltraum-Einsatz hat, imaginiert aber eine Gegenfigur: Matt Kowalski (George Clooney) ist fern von jeglicher Ohnmacht ein durchgängig witzelnder, selbstbewusster und erfahrener Astronaut, und nicht ganz zufällig im Gegensatz zu Stone auf seinem letzten Einsatz. Die Kunstfigur symbolisiert die Ruhe, Gelassenheit, Sicherheit und Kontrolle die der Protagonistin fehlen, aber doch in ihr stecken und ihre Hoffnung und ihren Lebenswillen antreiben.
Der innere Dialog mit ihrem von Clooney porträtierten unterbewussten Überlebenswillen lässt sie zunehmend an Stärke und Initiative gewinnen. Gleich der von Psychologin Verena Kast entworfenen vier Trauerphasen durchlebt die Filmfigur verschiedene Stufen, genauso, wie sie sich Level-artig von Raumstation zu Space-Shuttle hangelt: Verdrängung und Flucht in eine Traumwelt (als Astronautin), die emotionale Phase mit Aggression und Schuldgefühlen (über ihr nicht-loslassen-können von ihrer Arbeit), das unbewusste Suchen nach der verlorenen Person (in Form von schwebendem Spielzeug und Familienfotos) und der Dialog und die Aufarbeitung mit einem inneren Begleiter (George Clooneys Matt Kowalski) und schließlich die Akzeptanz des Verlusts und die Integrierung der gewonnenen Erfahrung in ein neues Leben.
Die Möglichkeit auf Neugeburt und Hoffnung offenbart sich in Gravity in zahlreichen Bildern, von der Embryonalhaltung der Astronautin in einer Raumkapsel bis hin zu Jesus- und Buddha-Bildnissen. Doch ihr Weg geht nicht über die Religion, sondern über die aufkeimende Hoffnung, aus eigener Kraft Feuer, Wasser und Weltall zu trotzen, um wieder selbstständig auf festem Boden stehen zu können. Ihre Reise ist dabei mit Kommunikationsschwierigkeiten gepflastert, russische und chinesische Handbücher und Tastenbeschriftungen sowie arktische Gesänge verwehren ihr vorerst den Zugang zur Welt, sie muss ganz auf ihre innere Kraft vertrauen.
Alfonso Cuaróns Gravity ist spektakulär und tiefgehend zugleich. Eventuelle, technische Fehler des Films sind belanglos, da die Kulisse zweitrangig ist. Der hereinprasselnde Sattellitenbruchstück-Schauer und die Zerstörung der ISS haben eine Intensität, wie man sie selten erlebt und Ryan Stones Trauerbewältigung im Vakuum ist bewegend.  Im Äußersten, was wir uns vorstellen können, wird uns das Innerste dargelegt. „Life in space is impossible“ belehrt uns eine Texttafel zu Beginn des Films, der Kampf zurück ins Leben ist dabei aber äußerst sehenswert.

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