Sant’Antonio

Am 15.09.2013 verstarb mein Onkel Antonio. An einem Sonntag. In Italien.

Währenddessen war ich gerade auf einem Ausflug mit Klientinnen. Als wir eine kurze Pause einlegten, las ich die SMS meines Freundes mit der Nachricht, dass mein Onkel verstorben sei und meine Eltern nach München unterwegs wären. Hier wollten sie Zwischenhalt auf dem Weg nach Italien einlegen. Meine Cousine, die zufälligerweise auch gerade bei ihnen war, fuhr mit ihnen mit. In dem Moment wusste ich, dass ich jetzt sehr pragmatisch denken musste oder es würde mir den Boden unter den Füßen wegziehen. Den Ausflug habe ich noch einigermaßen gut über die Bühne gebracht. In Gedanken packte ich bereits meinen Koffer. Ein schwarzes Kleid, schwarze Strümpfe, die Schuhe nicht vergessen.

Mein Rucksack war gepackt als meine Eltern und meine Cousine eintrafen. Meine Cousine machte gerade mit ihrer Cousine und Freunden einen 4-tägigen Deutschlandtrip. Eigentlich sollte sie am nächsten Tag zurück nach Rom fliegen. Wäre sie bereits von meinen Eltern abgereist, wäre sie viel zu spät für die Beerdigung angekommen.

Wir fuhren los. Ich verabschiedete mich von meinen Freund, der selbst am nächsten Tag losfahren würde, auf seine erste Tour. Auf dem Weg erhielt ich noch weitere Infos. Herzanfall. Meine Cousine von nebenan hatte noch versucht Erste Hilfe zu leisten. Sein Sohn, der in Rom als Polizist arbeitete und auf den Weg nach Hause war, dessen Zug kaputt war und der mit Blaulicht nach Hause gefahren wurde. Mein Onkel hatte am Vormittag noch gearbeitet. Das Bächlein, das neben der „Familienstraße“ entlang fließt vor der Überwucherung gesäubert.
Meine Cousine und ich konnten uns ganz gut auf Englisch unterhalten. Da ich italienisch zwar verstehe, allerdings daraus keinen sinnvoll Satz bilden kann, ist das natürlich sehr praktisch.

Zwischenhalt machten wir in Klausen/Chiusa in Südtirol. Dort wohnt mein Cousin mit Familie. Seine Frau ist Südtirolerin und spricht daher gnädigerweise deutsch und italienisch. Sie erzählte mir noch, dass sie erst letzte Woche im Heimatort waren. Meinem Onkel ging es noch sehr gut, keine Anzeichen auf irgendetwas. Auf seinem Feld neben dem Haus gab es Kürbisse, er gab ihnen welche mit. Gerade erst heute Mittag hätten sie daraus ein unglaubliches Kürbisrisotto gekocht. Mit meinem Cousin als neuen Fahrer und seinem Auto ging es weiter.

Nach Cassino. Zwischen Rom und Neapel. Bekannt durch die Schlacht um Monte Cassino im Zweiten Weltkrieg. Ein nettes kleines Städtchen zwischen Berg und Meer. Der Großteil meiner Familie väterlicherseits wohnt hier. Die engste Familie, also früher die Eltern und heute noch die Brüder mit deren Familien wohnt in einer kleinen Seitenstraße. Diese ist so klein oder unbedeutsam, dass selbst Google sie nur die ersten Meter reingefahren ist um dann wieder umzukehren. Bei Heim/Fern/Familienweh kann ich also nicht mal den Weg entlang schlendern.

Wir kamen gegen 4 Uhr morgens an. Im Auto konnte ich immer mal wieder eine Viertelstunde schlafen, zwischen meiner Cousine und meiner Mutter. Den anderen ging es nicht viel besser. Wir fuhren zu meiner Cousine, die noch bei ihren Eltern wohnt, nach Hause. Hier sollten wir auch schlafen können. Aber daran war erst mal nicht zu denken. Nach der Begrüßung dort ging es weiter zu meiner Tante. Die gerade ihren Mann verloren hatte. Als wir dort ankamen, immer noch sehr früh am morgen waren dort immer noch oder schon wieder einige bekannte Gesichter. Die Begrüßungen an diesem Tag liefen meist gleich ab: man freute sich, dass man sich wiedersah, gleichzeitig stand allen die Trauer in den Augen. Ein schiefes Lächeln, ein Schulterdrücker.

In Italien sind Beerdigung anders als in Deutschland. Sie unterscheiden sich in vielen Punkten, an verschiedenen Abläufen, aber auch in anderen Gesten. Mein Eindruck ist, dass man dort offener oder öffentlicher trauert. Es gibt Todesanzeigen, die in der ganzen Stadt verteilt aufgehängt werden. Die Beerdigung ist meist sehr schnell nach Tod, daher muss die Organisation des Abschiedes, der Gäste zügig erfolgen. Es kommen meist viele Menschen nach Hause, zum Gottesdienst oder auf den Friedhof. Nach Hause heißt in vielen Fällen auch, sich noch eimal von den Toten verabschieden zu können. Die Körper werden nämlich oft noch daheim oder in Kapellen aufgebahrt. In meinem Leben war ich bis jetzt auf zwei Beerdigungen. Zum Glück. Zwei Mal in Italien. Ich kenne also nur diese Art Abschied zu nehmen. In Deutschland kann sich die Familie dazu entscheiden, sich am offenen Sarg zu verabschieden, wenn sie das möchte. In Italien ist das so. Bis zu diesem Punkt war ich traurig, nun begriff ich. Tot. Man kann sich um den Aufgebahrten herum auf Stühle setzen. Als ich dort neben meiner Mutter saß, meinen Vater mit Tränen in den Augen an der Wand stehen sah, liefen mir die Tränen.

Es zerriss mir sehr oft an diesem Tag das Herz. Mein Vater, der seine Schwägerin in den Arm nahm, weinte. Meine Cousine und mein Cousin, die Kinder von Zio Antonio, sie waren sehr gefasst, geschockt. Die Enkelkinder meines Onkels, alle begriffen, was geschehen ist. Sie waren sehr traurig und gleichzeitig so voller Leben, voller Positivem. Als immer mal wieder meine Tränen stoppten und mir einer der anderen Onkel oder Cousins oder Nachbarinnen über den Arm strich, die Schulter drückte. „Ich bin da, ich sehe deine Trauer, ich bin hier.“ Als wir uns ein aller letztes Mal in diesem Raum von ihm verabschieden konnten, bevor der Sarg geschlossen wurde. Das laute Flehen und die Bitten seiner Frau und seiner Schwester. Eine seiner Cousinen, die mich laut schluchzend in den Arm nahm, mich weinen ließ. Der Augenblick als der Sarg das Haus verließ, die Straße verließ, in der er geboren und gestorben war. Der Trauerzug, zu erst zu Fuß, später im Auto, der hinter dem Leichenwag herzog. Der Gottesdienst in einer unglaublich hässlichen Kirche. Ich saß, stand auf und setze mich wieder. Es ging ungefähr eine Stunde, mit vielen Liedern und widerhallender Pfarrerstimme. In der Kirche noch mehr vertraute Gesichter. Viele Begrüßungen, viele viele Küsschen links und rechts.

Auch die Friedhöfe sehen in Italien anders aus. Es wird nicht nach unten, sondern nach oben gebaut. Die Särge kommen entweder quer oder längs in Stein- oder Betonkästen. Diese Kästen können viele Meter lang sein, eine Steinplatte mit Namen, Bild, kleinem Lichtlein und Blumenhalterung neben der anderen. Es gibt auch einige kleinen Villen, Familiengruften.

Wir standen also nicht vor einem ausgehobenen Erdloch, sondern zwischen zwei Betonwänden. Der Sarg wurde in eine der Öffnungen hineingehoben und anschließend von einem Maurer zugemacht. Meine Mutter meinte, es sei für sie doch sehr seltsam diesem Maurer noch eine halbe Stunde dabei zuzusehen, wie er den Sarg einmauert, bevor die großen Blumengestecke und -Kissen davor und darum gerichtet wurden. Ich fand es sehr passend.
Mein Onkel hat sehr lange bei FIAT gearbeitet. Eine eingerahmte Urkunde in seinem Wohnzimmer zeigt die Jubiläumszahl 25. Darüber hinaus hat er noch viel zu Hause angebaut, war Fliesenleger, Gärtner, Maurer und noch viel mehr. Er hat immer gearbeitet oder gelacht. In unserer Familie ging immer so ein bisschen der Vergleich zu Louis de Funès herum. Wir haben die letzten Jahre, wenn wir in Italien waren, immer in seinem Haus geschlafen, oft beim ihm gegessen, mit ihm gefeiert. Unsere Beziehung war wahrscheinlich so gut, wie sie eben hätte sein können, wenn man nicht gleiche Sprache spricht und sich einmal im Jahr für drei Wochen sieht. Der Abschied fiel mir trotzdem sehr schwer.

Auf diesem Friedhof liegen verstreut auch noch viele andere Familienmitglieder. Wir hatten nach der Beerdigung (oder dem Einmauern) noch gut zwanzig Minuten. Da der Friedhof weitläufig ist, machten wir nur die kleine Tour: vorbei an den Großeltern meines Vaters zu meiner Oma. Diese ist vor fünf Jahren verstorben. Ich stand vor ihrem Grab und musste wieder weinen. Ich liebte sie sehr.

Wir verabschiedeten uns von den meisten am Friedhof und fuhren zurück in die Familienstraße. Ich verbrachte Zeit mit meinen Cousinen und Cousins (eine lernt sogar seit drei Schuljahren deutsch und kann sogar schon „Tschüss!“ sagen), mit meinen Onkeln und Tanten, deren Familien. Ich habe diesen Abend sehr genossen. Familie auftanken, Sprache auftanken, merken, dass ich doch sehr viele verstehe und übersetzen kann, beobachten. Einen Hund streicheln der mindestens schon zehn Jahre alt ist und der immer noch dort ist, nicht überfahren wurde oder weggelaufen ist.

Und sich dann wieder verabschieden müssen. Wie beim letzten Mal (vor fünf Jahren), nur mit dem deutlicherem Bewusstsein, dass es gerade das letzte Mal sein könnte, dass man sich sieht.

Wir fuhren zurück zu meinem Onkel, aßen dort Pizza, redeten. Die Cousine und Freund meiner Cousine kamen spät abends aus Deutschland zurück. Wir hatten eine kurze Nacht bis drei Uhr morgens und fuhren wieder zurück nach Südtirol. Dort holten wir den Sohn meines Cousins mittags vom Kindergarten ab. Aus dem Baby ist ein quirliger Dreijähriger geworden, der im zuckersüßestem deutsch-italienisch immer etwas zu kommentieren hat. Wir gingen das gleiche Restaurant wie bei seiner Taufe und mussten dann auch wieder weiter. Meine Eltern brachten mich heim, teilten mit mir das geschenkt bekommene Gemüse und Obst, ruhten sich aus und fuhren anschließend heim.
Ich bewegte mich noch in einer komischen Zwischenwelt, nicht mehr da, noch nicht hier. Neben mir stehend.
Ich werde meinen Zio Antonio sehr vermissen. Beim nächsten Glas Rotwein werde ich ganz sicher an ihn denken.

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