#aufschrei

Seit letzten Freitag geht der #Aufschrei durch meine Timeline und wie es scheint vor allem auch durch die deutschen (Polit-)Talkshows. Unter dem #aufschrei bei Twitter findet man inzwischen auch sehr viel unqualifiziertes, aber eben auch viele wirkliche #aufschreie. Konkrete Beispiele findet man unter Aufschreien gegen Sexismus. Weitere Blogartikel zum Thema sammelt beispielsweise die Anke Gröner.

Seit Freitag begleitet mich das Thema sehr intensiv, ich habe viel über persönliche Erlebnisse nachgedacht. Vieles fiel mir erst nach paar Stunden wieder ein, an andere Situationen konnte mich noch sehr gut erinnern. Die vielen Male, als mir irgendwelche Männer etwas zugezischt haben, einen aufdringlich oder „herausfordernd“ ansehen, das Verhalten von Dozenten oder früheren Chefs. „Gewehrt“ habe ich meist nicht. Entweder war es viel zu schnell wieder vorbei oder ich zu perplex/schockiert/angeekelt. Dass so viele fordern, man solle sich doch „einfach wehren“, macht mich wütend.  Ich sollte mich doch gar nicht wehren oder verteidigen müssen, ich sollte einfach auf die Straße gehen können (uhrzeitunabhängig) und mir keine Gedanken darüber machen müssen, wie ich auf welchen An- beziehungsweise Übergriff ich jetzt am besten reagiere. So sollte es sein.

Aber da es natürlich nicht so ist, denke ich darüber nach, wann ich abends wo nach Hause fahre, setze draußen meistens einen ernsten Blick auf und gehe schon mal in Gedanken durch, wie ich meinen Schlüssel am schnellsten griffbereit halte (ob jetzt zum fixen Aufsperren oder als effektivere „Waffe“ sei jetzt mal dahingestellt). 

Besonders mulmig war mir letztes Jahr, als ich auf dem Oktoberfest gearbeitet habe und nachts alleine nach Hause musste. Tagsüber war ich schon viele, meist betrunkene Idioten gewöhnt. Aber die letzten Jahre konnte ich immer noch direkt von dem Verkaufsstand abgeholt werden, dies war an diesen drei Arbeitstagen nicht so. Ich setzte auf dem Heimweg also mein finsteres Gesicht auf, ging schnell und checkte die anderen Passanten und Mitfahrer auf „Betrunkenheitsstatus“ oder „aggressives Verhalten“ ab. Auf dem Heimweg ging ein Mann neben mir, wir hatten ungefähr das gleiche Schritttempo. Er sprach mich an*, aber eben in keinem komischen Ton oder aufdringlich, sondern einfach ganz normal. Ein Gespräch entwickelte sich, wir hatten ja eh den gleich Weg. Wir redeten über das Oktoberfest, dass er aus der Schweiz kam und die Wiesn ja eigentlich auch seltsam fand. Nach drei, vier Minuten trennten sich unsere Wege, ich war aufgeheitert und wollte mich im Nachhinein bei ihm bedanken, dass er in dieser Situation einfach so normal war. Ob er einfach nur den gemeinsamen Weg durch ein Gespräch verkürzen wollte oder ob er meine Anspannung wahrgenommen hat und die Situation irgendwie entspannen wollte, weiß ich natürlich nicht. Aber an diesem Abend hat mir das geholfen und mir ein bisschen den „Glauben an die Menschheit“ wiedergegeben (jaja, ich weiß, wie furchtbar das klingt, aber ich hatte tagsüber wirklich mit vielen seltsamen Menschen zu tun).

*Ich bin darüber im klaren, dass das ansprechen für viele andere schlimm gewesen wäre. Ich kann auch nur für mich in dieser einen Situation sprechen. Zu einer anderen Zeit, in einer anderen Stimmung hätte ich wahrscheinlich auch anders darauf reagiert.

In den letzten Tagen haben mich viele Reaktionen (auch gerade in diesen Talkshows) erschrocken, aber ich glaube, wir können da trotzdem etwas verändern. Alleine schon, dass das Thema so viel Aufmerksamkeit bekommt, wir uns über die verschiedensten Plattformen austauschen und merken, dass wir eben nicht alleine sind, ist doch schon viel Wert. Gesamtgesellschaftlich dauert der Prozess wohl noch etwas…

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